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Krokodil, Hollywood oder auch Raabs reloaded – Korneuburg 2014

veröffentlicht um 31.12.2014, 12:12 von Thomas K.

Die Sensationsmeldungen kommen heute aus Korneuburg. Ein Krokodil im Hafenbecken! Ist es nur

ein ausgebückstes oder ausgesetztes Kleinkrokodil oder eine mehrere Meter lange, Angst und

Schrecken verbreitende, menschenfressende Bestie? Spannung liegt über dem Renngelände.

Todesmutige Polizisten fahren im Motorboot das Gewässer ab, die Augen wachsam auf die

Wasseroberfläche gerichtet. Ein Reptilienspezialist ist vermutlich nicht darunter. Wo ist Crocodile

Dundee, wenn man ihn braucht? Jede noch so kleine Verwirbelung könnte ein Hinweis auf das

urzeitliche Monster sein. Kurz die Filmhistorie (bzw. das Sub-sub-Genre Krokodilhorror) Revue

passieren lassen: Crocodile 1 und 2, Killer Crocodile, Eaton Alive, Black Water, Primeval, Rogue, Lake

Placid 1 -4, Dinocroc, Alligator... (Hinweis: Natürlich waren das nicht immer natürliche Krokodile,

sondern Radioaktivität oder Genexperimente trugen ihren Teil dazu bei…). Immer wurde die Anzahl

der menschlichen ProtagonistInnen deutlich dezimiert. Eindeutiger Vorteil für unseren grünen

Freund irgendwo da draußen im trüben Nass. Die Frage ist, wird er nur nach einem der paddelnden

Arme schnappen oder gleich das Boot attackieren und zum Kentern bringen, um einen gedeckten

Tisch mit viel Auswahl zu haben? Aber alle Aufregung umsonst, es scheint sich um einen Fehlalarm zu

handeln. Eine Anwohnerin meinte ein Krokodil gesehen zu haben und in diesem Fall muss die Polizei

der Sache nachgehen. Alles in allem eine etwas lästige Verzögerung des Wettkampfbeginns, aber

lässt sich halt nicht ändern.

Spätestens jetzt muss erwähnt werden, dass heute die Österreichische Meisterschaft, ausgerichtet

vom Österreichischen Drachenbootverband, über die Bühne geht. Gemeldet hierfür waren nur vier

Mannschaften, allerdings genau die, welche sich auch Chancen ausrechnen. Da wir alle drei anderen

Teams dieses Jahr schon besiegt haben, herrscht durchaus Zuversicht, dass es ja vielleicht wieder

klappen könnte. Eigentlich muss es, denn wir haben bei allen vier Antritten auf österreichischem

Boden in diesem Jahr den Sieg davongetragen. Und es wäre in gewisser Weise dann vielleicht auch

irgendwie einmal gerecht (wobei es das im Sport selbstverständlich nicht gibt), wenn wir den Titel

heute holen würden. Und jetzt sind es sogar nur drei Mannschaften, da das Dreamboot zurück

gezogen hat.

Aha, beim PSV die Grünanger-Brüder, ihres Zeichens Kajak-Leistungssportler nicht dabei. Eigentlich

gut für uns, aber was sehe ich da: Schon bieten die PolizeisportlerInnen Christoph Kornfeind auf,

vermutlich die größte Hoffnung im öst. Kajak-Rennsport. Immerhin stand er schon in Finalläufen bei

Junioren-Weltmeisterschaften. Hatte ich eigentlich eh erwartet, denn beim Training diese Woche auf

der alten Donau habe ich, als sich unsere Boote begegneten, einen kurzen Blick hinüber geworfen

und ihn schon im PSV-Boot sitzen sehen… So eine Auswechselbank haben wir natürlich nicht. Kann

man also nur hoffen, dass die Drachenboot-Stechpaddeltechnik beim Athleten noch nicht so sitzt

wie die Kajak-Technik…

Parallel zur Meisterschaft findet auch noch der eigentliche Bewerb statt, ein Fun-Bewerb. Bei zwei

Rennen in dessen Vorrunde müssen wir starten. Damit es sich wie ein echter Wettkampf anfühlt, bei

dem es auch Vorrunden gibt und vor allem auch, dass sich die Mannschaften für das Meisterschafts-

Finale einfahren können. Eigentlich war geplant, dass ich in der ersten Runde nicht ins Boot muss und

wir mit 18 Leuten fahren. Aber, als Ronny von der Kapitänsbesprechung zurückkam, wurden alle

Pläne verworfen. Da die “Meisterschaftsboote“ nur 3 PaddlerInnen auswechseln dürfen, fahren wir

mit 20 Personen und ich muss auch mit ran. Somit sind wir später flexibler. Also los, der erste Start.

Oje! Da läuft ja gar nichts. So zäh! Zwar schneller als die MolekularbiologInnen, aber der PSV war 4

Sekunden schneller! Unsicherheit macht sich breit, denn das sind Welten. Gab es Wind? Ich habe

nicht aufgepasst.

Zweite Vorlaufrunde. Immerhin konnten wir uns um zwei Sekunden verbessern, optimal war das

aber trotzdem nicht. Die PolizistInnen noch einmal eine Sekunde schneller. Als sie zurück zu ihrem

Lagerplatz gehen und die Zeit hören, jubeln sie fast alle. Man sieht ihre Siegeszuversicht. Heute ist ihr

Tag. Denn immerhin liegen jetzt 3,2 s zwischen uns. Ich bin bedient. Das kann doch nicht wahr sein,

warum gerade heute? Alle drei Duelle dieses Jahr gegen sie gewonnen und jetzt, beim formal!

wichtigsten Rennen der Saison sollen wir keine Chance haben, von ihnen möglicherweise regelrecht

paniert werden? Meine Stimmung am Boden. Und da bin ich, glaube ich, nicht der Einzige. Zur

Stimmung passt auch der Wolkenbruch, aber im Zelt ist es eigentlich recht gemütlich.

Das Finale. Die Ansprache von Helmut soll uns Mut machen. Das ist ein bisschen wie in diversen

Hollywood-Filmen, wenn die Underdogs, eigentlich aussichtslos (aber durchaus konkurrenzfähig,

denn immerhin konnte das Publikum die Entwicklung von einer Außenseitertruppe zur

ernstzunehmenden Kraft mitverfolgen) vor dem entscheidenden Duell gegen die übermächtige

Konkurrenz noch einmal vom Coach aufgerichtet werden. Übertragen auf den heutigen Tag könnte

man also sagen: Werden es die HeldInnen gegen das siegessichere Kanuvereins-Imperium vielleicht

doch noch schaffen? (Bevor jetzt Ungenauigkeiten bemängelt werden: Es muss richtig Kanusektions-

Imperium heißen oder eigentlich Kanu-Sektion im Polizeisportvereinsimperium…). Die Lage scheint

aussichtslos, aber immerhin wird der Film noch eine Weile dauern und da sollte doch noch eine

Wende zum Positiven drin sein… Derlei Filme brauchen ein Happy-End, unbedingt!  Wichtig in diesem

Zusammenhang vielleicht auch, dass Willi, der den vorigen Lauf vom Ufer aus beobachtete,

festgestellt hat, dass wir vorn viel zu tief im Wasser lagen, das Boot nach unten geneigt war. Das

haben wir jetzt korrigiert, den Bug leichter gemacht. Felix, vorn links am Schlag, dreht sich noch

einmal um. Unsere Blicke streifen sich kurz und wir nicken uns, völlig ruhig, zu. Ich kann es nicht

erklären, aber in dem Moment war mir klar, dass jetzt noch was passieren wird, dass wir explodieren

werden. Irgendwie wirklich wie in Hollywood. Aber ob das reichen wird? Denn die Zeitdifferenz ist

halt doch zu groß. Startsignal. Und das geht doch gleich ganz anders los. Gut erwischt, jetzt ist mehr

Power drin. Hälfte der Strecke. Ich glaube, wir sind vorn. Oder besser: Eigentlich bin ich mir ziemlich

sicher, aber man weiß ja nie… (Das ist natürlich ein Unterschied zu Hollywood, da sind zwischendurch

auf jeden Fall erst einmal die anderen auf der Siegerstraße, um auf der Zielgeraden von den

Lieblingen des Filmpublikums noch abgefangen zu werden.) Bis jetzt auch kein Einbruch im Boot, die

Maschine läuft. Das Ziel kommt näher und näher. Noch 30m, noch 20m, noch 10 m. Waaaahnsinn!!

Eindeutig vorn. Oje, so weit die Boote auch auseinander sind, die Körperhaltung der Polizei-

sportlerInnen spricht Bände. Das sitzt tief. Mit solch einer Leistungssteigerung von uns wurde nicht

gerechnet. Im richtigen Moment das Potential abgerufen. Unfassbar, vor allem auch für uns selber.

Es muss halt alles zusammen passen. Eigentlich wie vor einigen Wochen in Raabs, nur noch extremer.

Wäre es ein Hollywood-Film, würde man das vermutlich als typischen amerikanischen “You can do it

– Kitsch“ abqualifizieren. Ab heute werde ich solche Filme mit anderen Augen sehen…

Somit sind wir österreichischer Meister bei der vom Österreichischen Drachenboot-Verband

ausgerichteten Meisterschaft geworden (übrigens mit Tagesbestzeit!). Allerdings ist es in unserem

Land so (in anderen Ländern übrigens auch), dass es auch noch eine Meisterschaft vom Kanuverband

(, der eigentlich auch gern die DrachenbootsportlerInnen unter seinem Dach haben möchte) gibt. Das

ist so, wie man es von anderen, noch nicht solange etablierten, Sportarten kennt, Stichwort FIS und

ISF / WSF, um nur ein Beispiel zu nennen.  Die Meisterschaft vom Kanu-Verband wird nächstes

Wochenende in Ottensheim stattfinden und wir werden nicht dabei sein. Vermutlich wird der PSV

dann dort gewinnen und ist dann halt Staatsmeister, obwohl wir jetzt schon alle vier Rennen des

Jahres vorn lagen. Wäre schon irgendwie komisch, aber ist halt so.


PS. Da ich mit dem Schreiben etwas (…) im Verzug bin, ist es jetzt amtlich: In Ottensheim eine Woche

später (Wäre durchaus interessant, dort auch irgendwann einmal teilzunehmen.) hat dann

der PSV gewonnen… Gratulation. 

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